Die Ärzte: Stummer Schrei nach mehr Analyse

Antifaschismus ist kein Style, ihr Lappen!

 

Es ist mal wieder Zeit sich unbeliebt zu machen. Das bürgerliche Feuilleton hypet den Ärzte-Song Stummer Schrei nach Liebe und die deutsche Linke hat nichts Besseres zu tun, als mitzumachen. Zwischenzeitlich singt man dieses Machwerk schon im Chor, gemeinsam mit Jusos und sonstigen Bürgergeschwerl, auf Anti-Nazi-Demos. Grund genug, um dem Song mal auf den Zahn zu fühlen:

Du bist wirklich saudumm,

Darum geht’s dir gut.

Hass ist deine Attitüde,

Ständig kocht dein Blut.

Alles muss man dir erklären,

Weil du wirklich gar nichts weißt.

Höchstwahrscheinlich nicht einmal,

Was Attitüde heißt.

 

Ref.: Deine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe,

Deine Springerstiefel sehnen sich nach Zärtlichkeit.

Du hast nie gelernt dich zu artikulieren

Und deine Eltern hatten niemals für dich Zeit.

Ohoho, Arschloch!

 

Warum hast du Angst vorm Streicheln?

Was soll all der Terz?

Unterm Lorbeerkranz mit Eicheln,

Weiß ich, schlägt dein Herz.

Und Romantik ist für dich

Nicht bloß graue Theorie,

Zwischen Störkraft und den Onkelz

Steht ’ne Kuschelrock-LP!

 

Ref.

 

Weil du Probleme hast, die keinen interessieren,

Weil du Schiss vorm Schmusen hast,

Bist du ein Faschist.

Du musst deinen Selbsthass nicht auf andere projizieren,

Damit keiner merkt, was für ein lieber Kerl du bist!

Ohoho!

Ref.

(http://www.lyricsondemand.com/a/aerztelyrics/arschlochlyrics.html)

Die Ärzte wenden sich an einen Nazi. In ihrem berühmten Video singen sie einigen mehr oder weniger typischen Faschisten ihre recht simple Botschaft ins Gesicht: „Du bist dumm, hast daher Minderwertigkeitskomplexe und bist deswegen ein Nazi.“ Dass sie dafür mehr als vier Minuten meine Ohren foltern müssen und drei Strophen brauchen, sei mal dahingestellt.

Diese Langatmigkeit hat allerdings den Vorteil, dass sie uns Wertvolles über die Faschismus-Analyse der Gruppe um Farin wissen lässt: „Weil du Probleme hast, die keinen interessieren, weil du Schiss vorm Schmusen hast, bist du ein Faschist.“ Anders gesagt: Faschismus ist für Die Ärzte eine Art psychische Störung: Man steht nicht auf Blümchensex, ist zudem noch eine Niete in der Schule („Du bist wirklich saudumm“) und wird daher eben Nazi. Und das heißt, anders herum, den Faschismus zeichnet an sich, folgt man der Analyse, keine besondere politische Haltung aus, sondern er ist eine Art emotionale Selbsthilfegruppe. Der eine geht mit seinen Komplexen halt zum Psychologen, der andere zur örtlichen Kameradschaft (was in jedem Fall billiger für die Krankenkasse sein sollte).

Und als Therapie für den als Krankheit erkannten Faschismus empfehlen Die Ärzte implizit Kuscheln und das bewusste Zulassen von Zärtlichkeit. (Was aber, wenn der Faschist auf SM steht?!)

Man braucht gar nicht lange herumreden: Eine solche Überlegung ist nicht nur lächerlich, sie ist auch falsch. Gefährlich falsch. Sie übersieht erstens, dass die diversen Spielarten von Nationalismus und Faschismus schlicht politische Ideologien sind, denen Menschen ganz bewusst zustimmen und die gesellschaftliche Ursachen, zum Beispiel soziale Konflikte, haben. Gegen politische Ideologien kann ich kämpfen: Indem ich politische Hegemonie erringe, mein Viertel, meine Schule, meinen Betrieb nazi-frei halte, Agitation und Propaganda betreibe. Sieht man Faschismus dagegen als eine Krankheit an, die Leute befällt, weil sie dumm sind, ist klar: Da kann mit politischen Mitteln nicht vorgegangen werden, das Problem der Krankheit liegt in den Kranken selbst (Dummheit!) und wird nicht auf die Gesellschaft zurückgeführt: Nicht etwa die Hetze von Spirnger-Presse, CSU oder bürgerlichen Medien sind, nach den Ärzten also Ursache dafür, dass Leute Faschisten werden, sondern deren eigene Unfähigkeit, Blödheit. Als Problem wird die Ungebildetheit, die geistige Unterlegenheit der (potentiellen) Faschos ausgemacht, die eben auf solche Parolen und Hetze reinfallen, nicht diese selbst.

Daraus ergibt sich aber zweitens, dass man gar vollkommen übersieht, dass Faschismus ein gesellschaftliches Phänomen ist, eine Funktion des bürgerlichen Staates und sich nicht nur in irgendwelchen Springer-Stiefel-tragenden Störkraft-Fans ausdrückt. Doch das sehen Die Ärzte nicht. Für sie geht es nur darum, sich irgendwie gegen die Nazis zu stellen und die eigene Überlegenheit auszustellen. Den bürgerlichen Staat, der die Bedingungen für das Entstehen des Faschismus bereit stellt (und selbst, wie wir leider erleben, ganz ohne faschistische Massenbewegung faschistisch wird), lässt man in Ruhe.

Schon allein deswegen ist es nicht verwunderlich, dass der Song so gefeiert wird. Gefeiert von einer Bauchlinken, die keine Ahnung von marxistischer Analyse hat, sondern einfach nur aus irgendwelchen dummen (und dummdreisten) moralisch-ethischen Überzeugungen heraus handelt.

Ohne zu wissen (oder wissen zu wollen), dass „die herrschende Moral stets die Moral der Herrschenden ist.“

Doch nicht alleine deswegen liegen Die Ärzte und die neuen Fans dieser Rentner-Band für Linkssozialdemokraten arg falsch. In ihrem Song drückt sich latente Arbeiterfeindlichkeit aus. Sie erklären, nur um das zu wiederholen, ja Dummheit zum Grund für Faschismus, Menschenhass, und damit wohl auch für Rassismus und Nationalismus: Nun, ich muss sagen: Es gibt durchaus auch studierte Faschisten und ich musste leider auch mit Akademikern schon streiten, weil sie rassistische Positionen vertraten. Ich kenne gar einen Hochschullehrer, der bestimmt weiß, was Attitüde heißt und dennoch meint, die deutsche Sprache müsse reingehalten werden von dem Einfluss türkischer Einwanderer. Bildung schützt keineswegs vor Faschismus.

Doch die Ärzte sehen das nicht. Für sie sind Nazis dumm, ungebildet, zu blöd um Zusammenhänge zu kapieren. Und damit sind sie einer Meinung mit bürgerlichen Medien und dem linken Mainstream: Die Rassisten, die vor Heimen protestieren, das sind für sie nur „Orks“, minderbemittelte Unterschichtler, die abgehängt sind und denen man prinzipiell überlegen ist.

Ein nettes Meme, das ausdrückt, was die bürgerliche Linke glaubt: Hauptschüler und Schulabbrecher, also die Proleten, sind halt alle irgendwie Nazis.

Natürlich gibt es solche Mobs von aufgehetzten Menschen aus der Unterschicht, etwa in Berlin Hellersdorf. Und natürlich schaut die Realität auch so aus, dass bei PEGIDA etwa die gut gebildete Mittelschicht marschierte. Doch das wird nicht gesehen. Statt gegen den Staat, das Kapital zu protestieren oder gegen die bürgerlichen Hetzer, stellt man sich gegen die Unterschicht, die Arbeiterklasse, überlegt sich sogar, wie Antilopen Gang, sie niederzuprügeln, sollte sie mal den Aufstand wagen. Diese Einstellung, diese Ignoranz der Arbeiterklasse, der Unterschicht gegenüber, die es doch eigentlich zu organisieren gelte, hat dazu geführt, dass die radikale Linke den Faschisten das Feld freigemacht hat. Und frei macht. Denn auch heute singt man lieber, so scheint es, mit Bürgerlichen zusammen, Die Ärzte, anstatt auch nur ansatzweise zu versuchen, Klassenkampf zu betreiben.

Antifaschismus wird so selbst zu einer Attitüde.

Und das wird zum Problem.