Die Ärzte: Stummer Schrei nach mehr Analyse

Antifaschismus ist kein Style, ihr Lappen!

 

Es ist mal wieder Zeit sich unbeliebt zu machen. Das bürgerliche Feuilleton hypet den Ärzte-Song Stummer Schrei nach Liebe und die deutsche Linke hat nichts Besseres zu tun, als mitzumachen. Zwischenzeitlich singt man dieses Machwerk schon im Chor, gemeinsam mit Jusos und sonstigen Bürgergeschwerl, auf Anti-Nazi-Demos. Grund genug, um dem Song mal auf den Zahn zu fühlen:

Du bist wirklich saudumm,

Darum geht’s dir gut.

Hass ist deine Attitüde,

Ständig kocht dein Blut.

Alles muss man dir erklären,

Weil du wirklich gar nichts weißt.

Höchstwahrscheinlich nicht einmal,

Was Attitüde heißt.

 

Ref.: Deine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe,

Deine Springerstiefel sehnen sich nach Zärtlichkeit.

Du hast nie gelernt dich zu artikulieren

Und deine Eltern hatten niemals für dich Zeit.

Ohoho, Arschloch!

 

Warum hast du Angst vorm Streicheln?

Was soll all der Terz?

Unterm Lorbeerkranz mit Eicheln,

Weiß ich, schlägt dein Herz.

Und Romantik ist für dich

Nicht bloß graue Theorie,

Zwischen Störkraft und den Onkelz

Steht ’ne Kuschelrock-LP!

 

Ref.

 

Weil du Probleme hast, die keinen interessieren,

Weil du Schiss vorm Schmusen hast,

Bist du ein Faschist.

Du musst deinen Selbsthass nicht auf andere projizieren,

Damit keiner merkt, was für ein lieber Kerl du bist!

Ohoho!

Ref.

(http://www.lyricsondemand.com/a/aerztelyrics/arschlochlyrics.html)

Die Ärzte wenden sich an einen Nazi. In ihrem berühmten Video singen sie einigen mehr oder weniger typischen Faschisten ihre recht simple Botschaft ins Gesicht: „Du bist dumm, hast daher Minderwertigkeitskomplexe und bist deswegen ein Nazi.“ Dass sie dafür mehr als vier Minuten meine Ohren foltern müssen und drei Strophen brauchen, sei mal dahingestellt.

Diese Langatmigkeit hat allerdings den Vorteil, dass sie uns Wertvolles über die Faschismus-Analyse der Gruppe um Farin wissen lässt: „Weil du Probleme hast, die keinen interessieren, weil du Schiss vorm Schmusen hast, bist du ein Faschist.“ Anders gesagt: Faschismus ist für Die Ärzte eine Art psychische Störung: Man steht nicht auf Blümchensex, ist zudem noch eine Niete in der Schule („Du bist wirklich saudumm“) und wird daher eben Nazi. Und das heißt, anders herum, den Faschismus zeichnet an sich, folgt man der Analyse, keine besondere politische Haltung aus, sondern er ist eine Art emotionale Selbsthilfegruppe. Der eine geht mit seinen Komplexen halt zum Psychologen, der andere zur örtlichen Kameradschaft (was in jedem Fall billiger für die Krankenkasse sein sollte).

Und als Therapie für den als Krankheit erkannten Faschismus empfehlen Die Ärzte implizit Kuscheln und das bewusste Zulassen von Zärtlichkeit. (Was aber, wenn der Faschist auf SM steht?!)

Man braucht gar nicht lange herumreden: Eine solche Überlegung ist nicht nur lächerlich, sie ist auch falsch. Gefährlich falsch. Sie übersieht erstens, dass die diversen Spielarten von Nationalismus und Faschismus schlicht politische Ideologien sind, denen Menschen ganz bewusst zustimmen und die gesellschaftliche Ursachen, zum Beispiel soziale Konflikte, haben. Gegen politische Ideologien kann ich kämpfen: Indem ich politische Hegemonie erringe, mein Viertel, meine Schule, meinen Betrieb nazi-frei halte, Agitation und Propaganda betreibe. Sieht man Faschismus dagegen als eine Krankheit an, die Leute befällt, weil sie dumm sind, ist klar: Da kann mit politischen Mitteln nicht vorgegangen werden, das Problem der Krankheit liegt in den Kranken selbst (Dummheit!) und wird nicht auf die Gesellschaft zurückgeführt: Nicht etwa die Hetze von Spirnger-Presse, CSU oder bürgerlichen Medien sind, nach den Ärzten also Ursache dafür, dass Leute Faschisten werden, sondern deren eigene Unfähigkeit, Blödheit. Als Problem wird die Ungebildetheit, die geistige Unterlegenheit der (potentiellen) Faschos ausgemacht, die eben auf solche Parolen und Hetze reinfallen, nicht diese selbst.

Daraus ergibt sich aber zweitens, dass man gar vollkommen übersieht, dass Faschismus ein gesellschaftliches Phänomen ist, eine Funktion des bürgerlichen Staates und sich nicht nur in irgendwelchen Springer-Stiefel-tragenden Störkraft-Fans ausdrückt. Doch das sehen Die Ärzte nicht. Für sie geht es nur darum, sich irgendwie gegen die Nazis zu stellen und die eigene Überlegenheit auszustellen. Den bürgerlichen Staat, der die Bedingungen für das Entstehen des Faschismus bereit stellt (und selbst, wie wir leider erleben, ganz ohne faschistische Massenbewegung faschistisch wird), lässt man in Ruhe.

Schon allein deswegen ist es nicht verwunderlich, dass der Song so gefeiert wird. Gefeiert von einer Bauchlinken, die keine Ahnung von marxistischer Analyse hat, sondern einfach nur aus irgendwelchen dummen (und dummdreisten) moralisch-ethischen Überzeugungen heraus handelt.

Ohne zu wissen (oder wissen zu wollen), dass „die herrschende Moral stets die Moral der Herrschenden ist.“

Doch nicht alleine deswegen liegen Die Ärzte und die neuen Fans dieser Rentner-Band für Linkssozialdemokraten arg falsch. In ihrem Song drückt sich latente Arbeiterfeindlichkeit aus. Sie erklären, nur um das zu wiederholen, ja Dummheit zum Grund für Faschismus, Menschenhass, und damit wohl auch für Rassismus und Nationalismus: Nun, ich muss sagen: Es gibt durchaus auch studierte Faschisten und ich musste leider auch mit Akademikern schon streiten, weil sie rassistische Positionen vertraten. Ich kenne gar einen Hochschullehrer, der bestimmt weiß, was Attitüde heißt und dennoch meint, die deutsche Sprache müsse reingehalten werden von dem Einfluss türkischer Einwanderer. Bildung schützt keineswegs vor Faschismus.

Doch die Ärzte sehen das nicht. Für sie sind Nazis dumm, ungebildet, zu blöd um Zusammenhänge zu kapieren. Und damit sind sie einer Meinung mit bürgerlichen Medien und dem linken Mainstream: Die Rassisten, die vor Heimen protestieren, das sind für sie nur „Orks“, minderbemittelte Unterschichtler, die abgehängt sind und denen man prinzipiell überlegen ist.

Ein nettes Meme, das ausdrückt, was die bürgerliche Linke glaubt: Hauptschüler und Schulabbrecher, also die Proleten, sind halt alle irgendwie Nazis.

Natürlich gibt es solche Mobs von aufgehetzten Menschen aus der Unterschicht, etwa in Berlin Hellersdorf. Und natürlich schaut die Realität auch so aus, dass bei PEGIDA etwa die gut gebildete Mittelschicht marschierte. Doch das wird nicht gesehen. Statt gegen den Staat, das Kapital zu protestieren oder gegen die bürgerlichen Hetzer, stellt man sich gegen die Unterschicht, die Arbeiterklasse, überlegt sich sogar, wie Antilopen Gang, sie niederzuprügeln, sollte sie mal den Aufstand wagen. Diese Einstellung, diese Ignoranz der Arbeiterklasse, der Unterschicht gegenüber, die es doch eigentlich zu organisieren gelte, hat dazu geführt, dass die radikale Linke den Faschisten das Feld freigemacht hat. Und frei macht. Denn auch heute singt man lieber, so scheint es, mit Bürgerlichen zusammen, Die Ärzte, anstatt auch nur ansatzweise zu versuchen, Klassenkampf zu betreiben.

Antifaschismus wird so selbst zu einer Attitüde.

Und das wird zum Problem.

14 Gedanken zu „Die Ärzte: Stummer Schrei nach mehr Analyse“

  1. Genosse, ich denke sie übersehen bei ihrer Analyse einen wichtigen Punkt, nämlich dass Musik aus zwei Komponenten besteht, einmal der musischen und einmal der lyrischen. Natürlich haben sie Recht, wenn sie sagen, dass Faschismus und Nationalismus politische Ideologien sind, gegen die man nur mit den von Ihnen aufgezählten Mitteln ankommt. Doch die Gründe, weswegen Menschen sich zu Anhängern dieser Ideologien machen, lassen sich oftmals im persönlichen Umfeld dieser Menschen feststellen und eben diese Gründe werden in dem Song der Ärtze, wenn auch stark vereinfacht dargestellt (mangelnde Bildung, (sexuelle) Frustration, familliäre Probleme etc) . Und nach meiner Meinung ist diese Vereinfachung gerade das, was Musik ausmacht. Lieder dieser Art haben immer zwei Anliegen, einmal eine Nachricht zu verbreiten und einmal ein Kunstwerk der Musik zu sein. Dass beides nur schwer vereinbar ist und das eine oft unter dem anderen Leiden muss, sollte jedem klar sein.
    Zur genauen Analyse der Gründe, warum Menschen sich rechtsradikalen Gruppierungen anschließen, sind Soziologen da.

  2. Zur Analyse Deiner (Ich hoffe Du verzeihst mir die pers. Anrede.) Analyse:
    Als erstes ist in meinen Augen klarzustellen, dass sich die „Gründe“ für Faschismus, wie sie von den „Ärzten“ aufgezählt werden, in meinen Augen nicht getrennt zu betrachten sind, denn niemand spricht davon, dass nur aufgrund mangelnden Intellekts oder vereinzelter psychischer Probleme jemand zum Faschisten wird, auch wenn ich Dir Recht geben muss, dass dir Formulierung darauf schließen lässt.
    So ist es doch richtig, dass nun mal in weniger gebildeten Schichten, der Anteil Rechtsextremer bzw. Faschisten größer ist als in höher gebildeten Schichten, oder um es anders zu Formulieren: Im Rechtsradikalen Spektrum sind die Leute im Schnitt weniger gebildet als im Linksradikalen, das ist nun einmal Tatsache, was nicht bedeutet, man solle den Fehler machen und Rechtsextreme, Faschisten und dgl. irgendwie abzustempeln, denn das ist ein gefährlicher Fehler.
    Nun zum Thema psychische Störung:
    Auch wenn es nur die Analyse einer Einzelperson ist, so analysiert Arno Gruen doch in seinem Buch recht nachvollziehbar wie Fremdenhass auf eine gewisse Weise auch auf Selbsthass zurückzuführen ist (welcher doch meist aus psychischen Problemen resultiert bzw. für mich auch eines darstellt). Und auch wenn das nicht bedeutet, Faschismus liege in jedem Fall eine psychische Störungen zugrunde, so wirken psychische Probleme auch in meinen Augen förderlich, wenn es um die Anfälligkeit für faschistische Ideologien geht.
    Und auch wenn die Formulierung der „Ärzte“ doch teils sehr ungünstig gewählt ist, so ist sie in meinen Augen trotzdem „zulässig“.
    Nun zum Thema Klassenkampf:
    In dem Punkt teile ich weitgehend Deine Meinung, denn auch wenn sich die so oft erwähnte Dummheit sich wahrscheinlich auch ähnlich fördernd wie psychische Störungen auswirken kann, so ist es doch niemand für weniger Bildung oder weniger „angeborene Intelligenz“ zu verurteilen, so ist es für mich auch nicht ganz verständlich, dass man hier Faschisten allgemein als „dumm“ hinstellt, auch wenn dies doch eher als Beleidigung, weniger als Degradierung von weniger gebildeten Menschen gedacht war, auch wenn diese mit einer solchen Beleidigung einhergeht.

    In deiner Kritik an dem fehlenden Protest gegen das Kapital, bürgerliche Hetzer, etc. muss ich Dir natürlich Recht geben, das wird in diesem Lied versäumt.

    Abschließend sei zu sagen: Auch wenn dieser „gehypte“ Antifaschismus, eher der Auswuchs eines gewissen Trends in den (sozialen) Medien ist als der gefestigter Ideale, so ist doch zu sagen, er ist weitaus förderlicher als so manch anderer sozialer Trend.

  3. Danke für diesen wichtigen Text. Nur ein Detail haut nicht hin: BDSM und Kuscheln steht nicht im Widerspruch zueinander. Schade um den netten Seitenhieb, aber wichtig.

  4. ein wirklich guter Artikel – obwohl du mich als Die Ärzte Fan gleich zu Anfang beleidgt hast hab ich zu Ende gelesen… 😉

    Übrigens, um deinen Anspruch auf Umsicht und Zusammenhang zu erhalten: Releasedatum von „Schrei nach Liebe“ war der 10.9.1993 . Ich glaube es ist grob falsch, der Band einen Text, der sich auf eine Situation von vor über 20 Jahren bezieht nun vorzuwerfen weil sie Pegida nicht vorhersehen konnte 😀
    (Außerdem sind DÄ immer mit einer Portion Humor und Ironie zu lesen…)

    vor allem find ich deine Analyse der aktuellen Situation (v.a. „Kampf gegen Faschismus“ anstatt „Mitleid“) sehr gut!

    (ein bürgerlicher Fan von Die Ärzte)

  5. Ein sehr guter Text.
    Ergänzend wäre es auch gut, zusätzlich den bürgerlichen Charakter solcher „Spenden“-Kampagnen (der Erlös der Verkäufe geht ja an Pro Asyl) zu beleuchten: Die Leute spenden ja nicht einfach so, sondern müssen …
    1. mehr oder weniger direkt von ihrem Star dazu animiert werden;
    2. durch den Erwerb des Song durchaus das Gefühl haben, für das Geld eine Art Gegenleistung zu bekommen;
    3. durch das Statement „Ich mache mit!“ soziales Prestiges einfordern können, da man ja „Gesicht zeigt“, „Farbe bekennt“ und im Gegensatz zu all denen die ja nur Reden tatsächlich etwas tut.
    Die Parallelen zur Selbstinszenierung und -beweihräucherung der Reichen und Promis bei ihren „Spenden-Gala“-Spektakeln sind da nicht zu verkennen. Endlich mal etwas für „die Anderen“, für „die da unten“ machen; dabei unterhalten und gesehen werden.

  6. Das Lied muss man im Kontext der Zeit betrachten. Entstanden ist es vermutlich von dem Hintergrund von Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen – und die dort anwesenden Nazis wirkten überwiegend nicht wie der Bildungsbürger aus der Oberschicht, sondern entsprachen stark dem „Klischeeneonazi“: Glatze, Bomberjacke, Springerstiefel, gewalttätig. Ich bezweifle stark, dass die Ärzte den Anspruch hatten, mit dem Lied jeden denkbaren Nazi zu beschreiben.

    Wenn sich das Lied aber aufgrund des Kontextes der Entstehung nur auf einen bestimmten Nazitypus bezogen hat, ist es hochgradig unfair, den Ärzten implizit vorzuwerfen, sie würden das Problem verharmlosen. Zum Entstehungszeitpunkt war das „Bildungsbürgertum“ im Nazibereich schlicht nicht das große Problem.

    Natürlich kann man sich fragen, ob das Lied aktuell ein gutes Lied ist, um die Zustände zu beschreiben. Allerdings sollte man dabei auch beachten, dass Kunst selten Probleme abschließend, umfassend und neutral beschreibt. Man könnte den Ärzten also eine gewisse lyrische Freiheit zugestehen.

  7. lieber genosse,
    der klassismus im deutschen antifaschismus („Nazis sind alle dumm“) geht mir auch gehörig auf den senkel. auch das chorische singen dieses liedes, weil das keiner geflüchteten hilft. aber dafür die ärzte ranzunehmen mit diesem hundealten lied finde ich arg übertrieben.
    1993 war die bevölkerung noch nicht so neoliberal durchoptimiert und durchtherapiert, sodass der damalige verweis auf frustration und emotionale defizite als quelle von sozialneid durchaus originell und zutreffend war. und: die naziszene damals tatsächlich nicht so intellektuell wie heute.
    und dann schau dir den zustand der antifa und vor allem antira 1993 an! viele themen und reflektionen mussten sich die leute in den folgenden 20 jahren erstmal erarbeiten. die sind für dich heute vlt. selbstverständlich. aber du kannst nicht mit heutigen maßstäben politischen output von damals messen.
    außerdem wird ein lied immer zu kurz und nicht umfassend genug sein, einen sachverhalt zu beschreiben, für dessen beschreibung auch mehrere bücher nicht ausreichen. ich halte es für zweckfrei, einem lied mangelnde soziologische analyse vorzuwerfen. lies statt dessen lieber ein soziologiebuch!

  8. lieber genosse,
    der klassismus im deutschen antifaschismus („Nazis sind alle dumm“) geht mir auch gehörig auf den senkel. auch das chorische singen dieses liedes, weil das keiner geflüchteten hilft. aber dafür die ärzte ranzunehmen mit diesem hundealten lied finde ich arg übertrieben.
    1993 war die bevölkerung noch nicht so neoliberal durchoptimiert und durchtherapiert, sodass der damalige verweis auf frustration und emotionale defizite als quelle von sozialneid durchaus originell und zutreffend war. und: die naziszene damals tatsächlich nicht so intellektuell wie heute.
    und dann schau dir den zustand der antifa und vor allem antira 1993 an! viele themen und reflektionen mussten sich die leute in den folgenden 20 jahren erstmal erarbeiten. die sind für dich heute vlt. selbstverständlich. aber du kannst nicht mit heutigen maßstäben politischen output von damals messen.
    außerdem wird ein lied immer zu kurz und nicht umfassend genug sein, einen sachverhalt zu beschreiben, für dessen beschreibung auch mehrere bücher nicht ausreichen. ich halte es für zweckfrei, einem lied mangelnde soziologische analyse vorzuwerfen. lies statt dessen lieber ein soziologiebuch!

  9. Die Qualität von Literaturanalysen bemisst sich für mich nach dem Erkenntnisgewinn. Ich teile die manche Schlüsse und Ansichten nicht, aber es wurden interessante Aspekte angesprochen, die ich so nicht gesehen habe.

    Was allerdings für mich nicht geht, ist vom Inhalt des Texts auf die Meinung der Ärzte zu schließen. Als Meinungsäußerung geht das vielleicht gerade noch durch. Aber der Begriff „Analyse“ in der Überschrift und der Textduktus erwecken schon den Eindruck, dass ein höherer Anspruch angestrebt wird. Da könnte man „den Tod des Autors“ zumindest würdigen.

  10. Es ist durchaus spannend zu sehen, wie der eigene Text diskutiert wird.
    Noch spannender aber ist es für mich, festzustellen, dass es innerhalb der Diskussion gewisse Tendenzen gibt, auf die ich nun allgemein antworten werde, auch wenn dies heißt, nicht jedem individuellen Einwand auch individuell gerecht werden zu können, wofür ich mich entschuldige.
    Nun, die Tendenzen in der Argumentation meiner „Kritiker“ ließen sich so zusammenfassen, wie ich meine:
    1) Die Zeit um 1993 war eine andere, die konkrete Situation rechtfertigt den Inhalt des Songs, so dass die Analyse daran krankt, dass sie diese historischen Entstehungsbedingungen nicht mitdenkt.
    2) Es ist grundlegend falsch, von einem Song auf politische Analyse zu schließen, die ein Song eh nicht leisten könne („lies lieber ein Soziologiebuch“).
    Auf den letzten Einwand gehe ich als erstes ein: Ein Song, genauso wie jedes andere kulturelle Artefakt, ist selbstverständlich Ausdruck von Tendenzen und Latenzen im Überbau, die ich, in der Analyse des betreffenden Artefakts herausfinden kann. Dies ist, von Brecht bis Lukács Grundüberzeugung aller marxistischen Literaturtheoretiker (und -praktiker). Und selbst die Poststrukturalisten gehen nicht einfach platt von der Selbstgenügsamkeit der Kunst aus, sondern erkennen an, dass kulturelle Leistungen Leistungen im diskursiven Gesamtgefüge sind, also nicht einfach nur abgeschlossen vom Rest. Wie dem auch sei: Wer die reine Lehre des l´art pour l´art vertritt, der schließt marxistische Kunstbetrachtungen, wie sie hier angestellt werden sollen aus und formuliert damit einen Widerspruch zur Grundannahme, die diesem Blog zugrunde liegt.
    Nun könnte man dies weiter auf die Spitze treiben und diesen, durchaus spannenden wissenschaftlichen Konflikt im luftleeren Raum der abstraktasten Wissenschaft austragen. Allein, dies kann man sich getrost schenken, denn Die Ärzte produzieren ja ganz bewusst ein politisches Lied. „Stummer Schrei nach Liebe“ ist, unabhängig davon wie wir uns sonst in der Kunstdebatte positionieren, ein politisches Lied, das politisch wirkt, gerade in der gegenwärtigen Situation, in der es eben als ein politischer Signifikant eingesetzt wird. Und diese Tatsache alleine rechtfertigt in meinen Augen, dieses Lied als Analysegegenstand zu verwenden, da ihn nicht ich willkürlich sondern eben durch ihre kulturelle Praxis die politische Linke (oder ihr Mainstream) selbst ausgewählt hat. Gerade daher kann ich den Song benutzen, um ihre politischen Tendenzen aufzuzeigen.
    Und das entkräftet auch den ersten Einwand: Denn der Song wird ja nicht im Hinblick auf 1993 analysiert, sondern weil er jetzt, in der Gegenwart verwendet wird.
    Doch selbst 1993 wäre zu kritisieren was der Text sagt, Rostock hin oder her: Der Text blendet die gesellschaftlichen Hintergründe des Faschismus aus und wird dennoch von einer Mainstream-linken gefeiert. Und gerade das ist nicht nur falsch sondern auch, so gesprochen, Ur-sprung meiner Analyse.
    Im Übrigen sei mir erlaubt, den Kommentatoren für ihre ausführlichen Analysen zu danken!

  11. Denke zunächst für die fundierte und wohlwollende Replik.

    Ich bin in marxistischer Literaturanalyse nicht bewandert und tatsächlich eher Text-immanenten Analyseverfahren zugewandt. Möglicherweise missverstehe ich daher etwas. Dass ein Kunstwerk ein Produkt gesellschaftlicher Verhältnisse ist und diese reflektiert sehe ich genau so, wenngleich mir die diskursanalytische Formulierung, in der Autoren Diskurse kanalisieren und Funktionen dieser sind, näher liegt. Allerdings ist für mich in beiden Varianten schwer nachvollziehbar, wie man von Aussagen eines kulturellen Textes auf die persönlichen Ansichten seines Urhebers schließen kann. Die Autorfunktion webt ihr Werk aus bestehenden Diskursen, die sie umgeben. Daraus kann man denke ich allerdings einzig schließen, dass diese Diskurse bekannt sind. Oder ganz konkrekt: Dass die Ärzte von einem bestimmten Nazi-Stereotyp singen, heißt einzig, dass ihnen dieses zum damligen Zeitpunkt bekannt war. Es aber nicht, dass das ihre persönliche Meinung war, oder ist. Eine Analyse der Faschismusanalyse kann man, wie hier geschehen, gewiss durchführen und interessante Einsichten erlangen, allerdings würde ich argumentieren, dass damit eben nur dieser Diskurs rekonstruiert wurde und an dieser Stelle einen Abschluss der Betrachtung empfehlen.

    Entsprechend stören mich beispielsweise folgende Aussagen:
    „Diese Langatmigkeit hat allerdings den Vorteil, dass sie uns Wertvolles über die Faschismus-Analyse der Gruppe um Farin wissen lässt: […] Anders gesagt: Faschismus ist für Die Ärzte eine Art psychische Störung: […]Und als Therapie für den als Krankheit erkannten Faschismus empfehlen Die Ärzte implizit Kuscheln und das bewusste Zulassen von Zärtlichkeit[…]“

    1. Nun, hier sehe ich mehr als eine Ebene, auf der zu diskutieren wäre.
      Zunächst einmal gebe ich dir insofern recht, als dass seit den, wenn Du so willst, großen Franzosen (sprich, Foucault, Barthes und Derrida) gemeinhin gilt: „Der Autor ist tot!“. Unter diesem Gesichtspunkt mag man mit Recht meine Ausdrucksweise kritisieren, da sie, in einer poststrukturalistisch-informierten Literaturanalyse als nicht state-of-the-art angesehen werden würde.
      ABER! Dies ist einer der Momente, in denen sich Poststrukturalismus und Marxismus unterscheiden (dazu sei empfohlen der Aufsatz von Konrad: „Marxismus und Strukturalismus“ im Sammelbändchen „Formalismus und Marxismus“), denn der Marxismus kritisiert gerade am (Post)Strukturalismus, dass er so tut, als stünde hinter einem Artefakt keine Agentur.
      Anders gesagt: Es ist absolut richtig, was Foucault und Barthes über die Funktion des Autornamen herausarbeiten, kein Marxist würde hier widersprechen. Der Widerspruch setzt erst dann an, wenn ausgehend von einer entsprechenden Analyse die These aufgestellt wird, es gäbe keine Verantwortung des Autors für das Geschriebene (jenseits von Rechtstiteln), da Fiktion immer auch Fiktion von intendierten Autor und intendierten Leser beinhalte. Denn damit ist zugleich gesagt, dass Kunst eben nicht auf eine soziale Realität (und sei es nur die der Diskurse) zurückgebunden werden kann, sie gewissermaßen ein Reservat darstellt, von dem aus kein Weg hinausführt, ist doch der Autor von dem, was er geschaffen hat, getrennt.
      Nun mag dies, auch das gestehe ich zu, teilweise sogar auf Kunstwerke zu treffen, man denke etwa an Duchamps „Fontäne“. Aber, und das ist das letzte „aber“ für heute: Die Ärzte produzieren ja bewusst ein Lied, das politisch wirken soll, überschreiten also bewusst das Kunstreservat. Damit aber ist ihr Song eben nicht nur Artefakt sondern intendiertermaßen Werkzeug. Und damit setzen sie es und sich damit einer solchen, instrumentalisierenden Deutung aus, da ihr Lied beides ist: Politische UND künstlerische Intervention.

  12. Was ich merkwürdig finde, ist, dass alle den Text von den Ärzten ohne weitere Überlegung ernst nehmen. Dabei haben die Ärzte eigentlich selten einen Text ernst gemeint und erst recht nicht eindeutig. Der Entstehungskontext des Liedes ist ja vor allem auch, dass jeder Deutschrocker ein Lied gegen Nazis raushauen musste, große Konzerte gegen Rechts stattfanden usw. Die darin geäußerten Nazibilder werden von den Ärzten so überzeichnet, dass ihre Absurdität eigentlich offenbar werden muss.
    „Deine Springerstiefel sehnen sich nach Zärtlichkeit“ und „weil du Schiss vorm Schmusen hast bist du ein Faschist“ sind deutlich Quatsch-Zeilen. Wer sich mit den sonstigen Texten der Ärzte auskennt – man denke an „Friedenspanzer“ vom gleichen Album, aber auch „Rebell“ – könnte auf die Idee kommen, dass sie sich über all die Nazivorstellungen lustig machen.
    Wie so oft kommt die Ironie nicht durch bei denen, die da ironisiert werden und die Mehrheit des Publikums findet, es sei ein ernster Text über Nazis, anstatt ein großartiger Text über dumme Faschismustheorien.
    Ich weiß nicht, ob das so zutrifft – aber es würde mich nicht wundern.

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