Der Preis der Politik

Über den Nobelpreis und die deutschen Medien

 Es ist Nobelpreiszeit. Also jene Zeit im Jahr, in dem sich die (öffentlich-rechtlichen und ein paar Print-)Medien in der BRD für eine Woche ihres Bildungsauftrags erinnern und ein wenig Aufklärung betreiben, was für die mediokren Redakteure, die die Journaille dirigieren, heißt, kurze Porträts der jeweiligen Nobelpreis-Greise zu fabrizieren. Man berichtet von den (meist weit zurückliegenden) Heldenleistungen der Öffentlichkeit sonst gänzlich unbekannter Menschen vor, berichtet über ihren persönlichen Werdegang, erzählt angenehme Geschichten, in denen Wissenschaft und die jeweiligen Entdeckungen nur am Rande eine Rolle spielen. Zu viel Aufklärung will man dem Zuschauer wahrscheinlich nicht zumuten.

Dabei muss allerdings zugegeben werden: Beim Nobelpreis geht es selbst auch nicht ausschließlich um Wissenschaft. Der Preis ist mit einem derartigen internationalen Prestige verbunden, dass er immer auch und vor allen Dingen ein Politikum ist. Da dem jeweiligen Träger massive mediale Aufmerksamkeit zuteilwird (zumindest für ca. eine Woche), kann dies genutzt werden, um einen politischen Standpunkt deutlich zu machen. Bekommt etwa der russische Autor Solschenizyn, mit seiner lustigen Einstellung zu Juden[1] und seinem Antikommunismus, einen Nobelpreis für Literatur, ist das eine Steilvorlage für Politik und Medien, die angebliche Bösartigkeit des Sowjetsystems herauszustellen. Solschenizyn kann mehr Bücher verkaufen und mehr Menschen werden davon überzeugt, was für eine üble Sache dieser Kommunismus doch ist.

Tatsächlich lässt sich mit dem Literaturnobelpreis, neben dem offensichtlich politischen Friedensnobelpreis, der übrigens schon an Kissinger, Obama und die EU ging,[2] am besten Politik machen lässt. Das zeigt sich auch heute wieder, als der weißrussischen Autorin Swetlana Alexandrowna Alexijewitsch den Preis abstauben durfte.

Nun, ich gebe sofort zu: Alexeijewitsch ist eine interessante Autorin. Second-hand-Zeit, ihre chorische Darstellung des post-sozialistischen Russlands ein wichtiges Buch, das sich auch jeder Kommunist zulegen sollte, da er hier noch was lernen könnte. Wie Alexjiewitsch eine neue Art des kollektiven Schreibens, der chorischen Darstellung erschafft, ist sicherlich wegweisend. Nur ist klar: Um all das geht es bei der medialen Aufarbeitung dieses Nobelpreises nicht.

Viel interessanter ist in den Presseberichterstattungen nämlich, dass sich Alexjiewitsch deutlich gegen Putin stellt und meint, dass er die Sowjetzeit wiederaufleben lassen will, die sie als eine Art nationales Trauma versteht und also gerne loswerden wollen würde. So darf sie in deutschen Nachrichten in bester Goebbels-Manier über die „Bestien“ in Donetzk (gemeint sind die Aufständischen) herziehen und der deutschen Presse zugleich die Gelegenheit geben, sich in den Wahlkampf in Belorus einzumischen. Denn dort stellt sich die wackere Autorin auf die Seite einer ebenso wackeren und über-privilegierten „Sozialdemokratin“, deren Regierungsprogramm im Wesentlichen darin besteht, Privatisierungen zu fordern. Wagt es doch Belarus nach wie vor eine Art Staatskapitalismus zu betreiben, den privaten Sektor einzuschränken und, noch schlimmer, gewährt der EU keinen Zugang zu ihrem Markt oder geostrategische Stützpunkte. Klar, dass das deutsche Fernsehen dazu berichten muss, und von der veralteten Ökonomie dieses Landes spricht.

Und das in der Berichterstattung zu einem Literatur-Nobelpreis! Dieser wird so nur zur Vorlage für die deutschen Medien, das Bild des autoritären, untermenschen-befallenen Osten zu zeichnen, in dem einzelne, wertvolle Menschen mit den bösen Bestien ringen müssen. Nur der Westen und die westliche Zivilisation, so scheinen uns die Medien vereint mit der Autorin sagen zu wollen, können ein wenig Licht in dieses unzivilisierte Dunkel bringen. Über Moskau leuchtet das Auge Saurons, könnte man meinen.

Genossin Tu um 1951. In der VR China.

Das interessante nun aber ist, dass bereits ein anderer, der diesjährigen Nobelpreise sehr politisch ist: Die Genossin Tu Youyou erhielt die Hälfte des Medizin-Nobelpreis für ihre Entdeckung eines Mittels gegen Malaria. Dieses Mittel war 30 Jahre lang von der WHO und der Pharmaindustrie sowieso ignoriert worden. Einerseits schert man sich bis heute nicht um die Gesundheit der Menschen im Trikont, die ja nicht so zahlungskräftig sind, wie die Konsumenten im Westen. Und andererseits hatte Tus Entdeckung den kleinen aber entscheidenden Fehler, in der Zeit der Kulturrevolution gemacht worden zu sein. Mao selbst, gab der Genossin den Auftrag nach einem billigen Mittel gegen diese Krankheit, die bis heute eine entsetzliche Geißel für Abermillionen Menschen ist, zu finden.

Und sie fand es.

Einen Triumph, den der Westen der VR China lange nicht zugestehen wollte, so dass Artemisinin zur Malariabehandlung erst 2010 eingesetzt wurde. Insofern kommt der Nobelpreis auch einer gewissen Entschuldigung gleich.

Doch darüber wird keineswegs ausführlich berichtet. Die politischen Hintergründe dieser Entdeckung, interessieren nicht. Kein Leitartikelschreiberling frägt sich, wieso so eine bahnbrechende Entdeckung im kulturrevolutionären China möglich war. Keine „Nachrichten“Show zeigt uns Bilder der Kulturrevolution, bspw. Arbeitermassen, die in die Unis strömen, oder diskutiert zumindest die Frage, warum Tu YouYou, die man fälschlicherweise YouYou Tu nennt,[3] diese Entdeckung machen konnte, ohne, wie in der Kulturrevolution üblich, post-graduate Titel, also „Doktor“ oder gar „Professor“ erworben zu haben. Kurz, es unterbleibt, was zu unterbleiben hat: Das pbjektive Nachdenken und Diskutieren, eines politischen Systems, das sich vom unsrigen unterscheidet.

Und so wird am Nobelpreis eines wieder einmal überdeutlich: Die Medien sind in der Zeit des angeblich freien, postmodernen Diskurses in Wahrheit nur die postdemokratischen Marktschreier des Immer-Gleichen. Objektive Berichterstattung hat man nicht zu erwarten, denn dazu sind sie genauso wenig da, wie der Nobelpreis dazu da ist, objektiv und weltweit, Wissenschaft, Kultur und Frieden zu fördern. Nobelpreis und Medien sind wie alle Einrichtungen des bürgerlichen Staates nur eins: Dazu da, uns unten zu halten.

[1] Herr S. träumte zeitlebens von einem rassereinem Russland und verdächtigte die Juden, am Untergang des von ihm sehr geliebten Zarenreichs beteiligt gewesen zu sein: http://www.berliner-zeitung.de/archiv/alexander-solschenizyn-versucht-sich-an-der-geschichte-der-juden-in-der-sowjetunion-reue-waere-der-sauberste-weg,10810590,10120564.html

[2] Mehr muss man wohl nicht über diesen Preis sagen.

[3] In China kommt der Nachname stets vor dem Vornamen. Maos Vorname etwa war also Zedong. Es ist keine kleine Sache, wenn die deutschen Medien sich nicht an diese Reihenfolge halten, von YouYou Tu, oder gar nur YouYou sprechen. Hier kommt Respektlosigkeit einer anderen Kultur gegenüber zum Ausdruck.

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