Bamm! Ein „Debatten“Beitrag zum Feuerwerken

In meiner Facebook-Timeline tobt grade eine abstruse Diskussion. Nicht, dass ich in Facebook (und der Realität) an abstrusen Diskussionen Mangel leiden würde, doch diese ist schon sehr bemerkenswert. Während Deutschland in einen neuen Krieg zieht, der Mindestlohn unter Beschuss kommt und in Europa der Faschismus frische Morgenluft schnuppert, scheint es für viele meiner linken Facebookfreunde ein Hauptproblem zu sein, dass an Silvester ein Feuerwerk abgebrannt wird. Eifrig schreibt man gegen die Ballerei an und produziert Memes, deren Inhalt darauf hinaus läuft, dass Feuerwerken sinnlose Geldverschwendung ist und Tieren Angst macht.

Nun würde ich eine solche sinnlose Diskussion eigentlich kaum beachten, geschweige denn Zeit darauf verschwenden, wenn sich nicht etwas aus ihr lernen ließe. Schauen wir uns also daher tatsächlich die Argumentation der Feuerwerksverächter im Einzelnen an: Einerseits wird darauf verwiesen, dass Feuerwerk anderen Menschen (insbesondere denkt man hier an Geflüchtete, da man glaubt, der „kriegsähnliche“ Lärm würde ihnen Angst machen[1]) und vor allem natürlich Tieren Angst machen kann. Andererseits verweist man darauf, dass das Feuerwerk doch nur Teil der kapitalistischen Konsumgesellschaft sei, die Umwelt belaste, Müll produziere, etc.

Selbst Tierbefreier sollten zugeben, dass es aus Sicht der Tierrechte derzeit größere Probleme gibt, als Wuffis Pyrotechnikphobie. Stichwort Massentierhaltung.

Natürlich stimmen diese Argumente. Doch sie würden genauso für Weihnachten, Ostern oder gar den 1.Mai stimmen. Auch hier wird gefeiert, unnötig viel Müll produziert und Mensch und Natur krass ausgebeutet, insbesondere im Falle von Weihnachten. Denn die Geschenke, die wir konsumieren, werden mehrheitlich von bis aufs Blut ausgepressten Arbeitern in Sweatshops hergestellt, die womöglich dann doch mehr leiden, als Bello, der am 31.12 auf Hundeberuhigungstabllette (gibt’s wirklich, kein Scheiß) das Böllern über sich ergehen lässt. Man darf also getrost an die Herren und Damen Feuerwerksgegner die Frage stellen: Warum fordert ihr nicht das Verbot von Geschenken zu Weihnachten? Am Ende wäre das für Mensch und Natur sinnvoller.

Der Grund hierfür ist natürlich ein einfacher: Die halbtoten asiatischen Kinderarbeiter sieht man den Geschenken nicht an. Während das Leiden von Haustieren und der Müll, der am 1.1. unsere Straßen ziert , für alle unmittelbar erfahrbar sind, muss ich Analyse betreiben, um zu erkennen, dass hinter der Idylle des Weihnachtsfests genau dasselbe Wirtschaftssystem steckt wie hinter der Knallerei zu Sylvester, und das gleiche Leiden, die gleichen Schäden an Natur und Umwelt erzeugt. Doch für einen Mainstream der politischen Linken, insbesondere bei den sog. Demokratischen Sozialisten, ist Analyse nicht gefragt, dafür aber Empathie. Anstatt das Leiden, das durch das System, das abstrakt genug ist, erzeugt wird, zu bekämpfen, fühlt diese Bauchlinke eben lieber mit. Wobei das Mitgefühl letztlich eher dem Schoßhund als dem namenlosen, nichtweißen Arbeiter in Übersee zufällt.

Aus diesem Mangel an Analyse ergibt sich aber auch die Leere der Aussagen und Ziele einer solchen Bauchlinken. Diese kann, wie in der Feuerwerksdebatte zu sehen, nur negativ formulieren, also sagen, wogegen sie ist, was sie verbieten will. Ein systemüberschreitendes, positives Konzept[2], das nicht nur Ausdruck der Ablehnung von etwas ist, hat man nicht. So kommt es, dass man schlicht und ergreifend Askese einfordert bei sich und bei anderen: Statt Böllern daheim sitzen, Bayern 2 hören, aus Fair-Trade-Wolle, die das Schaf freiwillig abgegeben hat, weil es Bock auf eine neue Frisur hatte, einen knallbunten Öko-Schalstricken und dabei vegane Häppchen zu sich nehmen. Die Lust, die Ekstase, die sich zum Beispiel ja gerade daraus ergibt, dass man ziemlich teure Dinge in Sekundenschnelle in die Luft jagt, wird per se dämonisiert. Das Feuerwerk wird als ein Ausdruck der kapitalistischen Wegwerfgesellschaft gesehen.

Mal ganz davon abgesehen, dass das nicht stimmt, und die kulturellen Hintergründe des Feuerwerks jenseits des Kapitalismus zu suchen sind,[3] spricht daraus eine enorme Lustfeindlichkeit: Der Mensch, der der kapitalistischen Ordnung ausgeliefert ist, soll im Namen von nichts mehr als einer moralinsauren Idee von Menschlichkeit auf etwas verzichten, was ihm Freude bereitet. Recht viel vom mittelalterlichen Mönchtum ist diese Mainstream- oder eben Bauchlinke nicht entfernt.

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„Andere kaufen Böller, ich kauf mir ein gutes Gefühl.“ Die Idee des verantwortungsbewussten Konsums in einem Satz zusammengefasst.

Natürlich ist mir nun durchaus bewusst, dass Genuss im Kapitalismus immer entfremdeter, sublimierter Genuss ist, der ganz und gar von kapitalistischer Warenideologie erfüllt ist. Und ich bin tatsächlich der Meinung, dass aus den systematischen Besäufnissen, dem Drogengebrauch und exzessiven Konsumwahns, in Wahrheit eine tiefe Traurigkeit, die sich aus der unbewussten aber präsenten Entfremdung und Unterdrückung im Kapitalismus ergibt, spricht. Man will die Kontrolle verlieren, weil man letztlich weiß, dass man keine Kontrolle über sein Leben hat. Ein Kommunist, als Vorkämpfer der Sache des Proletariats, sollte diese Realität des verordneten Genusses erkennen und seine Befriedigung in der Treue zur Idee des Kommunismus, im Kampf suchen.

Doch das alles spricht keineswegs gegen den Genuss, die Lust, den Rausch an sich. Im Gegenteil: Der Kampf um den Sozialismus bedeutet ja, für ein Leben einzustehen, das schöner, lustvoller ist, als das jetzige. Allerdings kann man nicht abstreiten: Im jetzigen, noch bedauernswert kapitalistischen Leben genießen Millionen Menschen, um dabei zu bleiben, das Feuerwerken, wobei die ärmeren Schichten, meiner persönlichen Erfahrung nach, dazu neigen, mehr zu verballern, als die Reichen. Die spezifische Lust ergibt sich dabei wohl vor allen Dingen daraus, ausbrechen zu können aus einer spießigen Ordnung, die dem Individuum eben gerade nicht erlaubt, laut zu sein, Dreck zu machen, und sein Geld für die Schönheit eines kurzen „Ah“-Moments, der am Ende auch noch anderen eine Freude macht, hinauszuwerfen, so sublimiert dies auch sein mag.

Die Gegner von Feuerwerk offenbaren sich so als Gegner dieses Ausbruchs. Sie kritisieren am Feuerwerk nicht, dass es, wie eben Alkoholabusus oder das ritualisierte Feiern in Clubs, keine wahre Transgression, also Überschreitung, der kapitalistischen Kultur darstellt, sondern in diese eingebettet ist. Stattdessen argumentieren sie vom Standpunkt eines sauertöpfischen Spießertums, das Müll hasst weil er Müll ist und die Ekstase, den Genuss um ihrer selbst willen verachtet. Aus der Bauchlinken spricht so letztlich, und wenn sie nur das Feuerwerk ablehnt, der Mief des geschassten und untergehenden Kleinbürgertums.

 

[1] Natürlich ist hier auch Rassismus im Spiel, denkt man sich den Geflüchteten doch als eine Art Wilden, der von den Bräuchen in Europa keine Ahnung hat.

[2] Zum Beispiel wie es in meiner Nachbarschaft schon seit immer praktiziert wird: Die Nachbarn kommen zusammen und bestimmen miteinander wo wie lange geschossen wird und kontrollieren das gemeinschaftlich, ganz ohne Verbote und Polizei.

[3] Und übrigens ein schönes Beispiel für mittelalterlichen, interkulturellen Kontakt, in dem Fall zwischen Venedig und Peking, darstellen.

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