Linksparteiverspot(t)ung: Einige Bemerkungen zum Wahlkampf der Partei DIE LINKE in BaWü und Sachsen-Anhalt

 

 

Was ihr gerade gesehen habt ist keine gelungene Satire von Jan Böhmermann oder der Partei DIE PARTEI. Es handelt sich um den offiziellen Spot(t) zur Landtagswahl der PDL in BaWü.

Gut, nachdem die hysterischen Lachkrämpfe abgeklungen sind, gibt es nun zwei Möglichkeiten. Man kann sich jetzt besinnungslos lustig machen über den verzweifelten Versuch einer alten Partei hip zu wirken, oder man kann versuchen, diesen Spot(t) zu analysieren. Zwar habe ich ehrlich gesagt eher auf ersteres Lust, aber weil das hier ja ein ernster Blog ist, beschränken wir den Spot(t) aufs Nötigste, und beschauen uns einfach mal die Sache in Ruhe.

Die erste Frage, die man sich dabei stellen kann ist: Was sehen wir?

Zwei junge und erstaunlich weiße Menschen, eine blonde Frau und ein schwarzhaariger Mann, beide in normaler Straßenkleidung, befinden sich in einem Raum ohne Dekoration. Die meiste Zeit über malen sie mit roter Farbe (das einzige Mal das im Spot(t) selbst die Farbe rot vorkommt) Ausdrücke auf Bögen aus Papier. Diese Ausrücke, ein bemerkenswerter Umstand, wie „Umverteilen“, „Soziale Berufe“ oder „Besser Bezahlen“, entstammen zwar durchaus dem rhetorischen Fundus eines linken Wahlkampfs, allein, sie sind nicht wie Parolen eingesetzt, etwa auf Protestschildern, werden durch keine Ausrufezeichen, die darstellen könnten, dass es sich hier um Forderungen handelt, begleitet („Besser Bezahlen“ ohne Satzzeichen kann alles heißen, „Besser Bezahlen!“ ist immerhin als Aussage erkennbar) und auch nicht weiter kommentiert. Es handelt sich hier also nur um Versatzstücke, die daran gemahnen, dass hinter dem Wahlkampf auch so etwas wie ein Programm stecken könnte.

Doch wird selbiges nicht vermittelt. Es wird nicht dargelegt, was die PDL nun in BaWü durch ihre Wahl erreichen will, welche Ziele sie verfolgt. Stattdessen sieht man eben jene zwei weißen Normalos, die sich durch den Spot(t) malen und wenn sie nicht gerade das tun, sich halbwegs rhythmisch zur Retortenmusik bewegen und Rap imitieren.

Entsprechend sehen wir auch keine weiteren Akteure: Weder die Kandidaten, die sprechen, noch etwa die angesprochenen politischen Subjekte, etwa Menschen in sozialen Berufen, selbst. Wir sehen genauso wenig etwa einen Leiharbeiter, eine alleinerziehende Mutter auf Hartz IV, einen Schwarzen, eine Asylsuchende, kurz: Der Spot(t) führt uns statt jener Gruppen, auf die die politische Linke eigentlich zielen sollte, die Proletarier, die Subalternen, die es auch im spießigen Ländle zur Genüge gibt, zwei absolute Durchschnittsdeutsche vor, die, ihrer Kleidung und ihrem Auftreten nach zu urteilen, zu den Resten der urbanen Mittelschicht gehören, Sonntags vermutlich zum veganen Vollwertbäcker um die Ecke gehen und Apple-Produkte nutzen.

Und das passt zu dem, was gesagt wird: Der Spott beginnt bereits mit „Wir“: „Wir wollen viel, wie wollen mehr – mehr vom Leben.“

Wer ist dieses Wir, für das die beiden Normalos zu sprechen scheinen? Eine bestimmte Klasse? Das Volk? Eine anders definierte Gruppe von Menschen? Nur die zwei „Rappenden“? Es wird nicht klar, es ist eine reine Worthülse, die aber andauernd wiederholt wird: „Wir alle wollen Reichtum – im Herz“, „Wir müssen da mehr tun“ „Unsere Werte sind global, wir hab´n jetzt die Wahl, …“ „Wir sagens noch einmal“.

Immer und immer wieder wird also dieses leere, undefinierte Wir beschworen, das sich durch den ganzen Spot(t) zieht, und die Achse ausmacht, um die herum die Ruinen von politischem Inhalt herum konstruiert werden. Das ganze kumuluiert in dem vielleicht wichtisgsten Satz, der da „gerappt“, oder: irgendwie in Form eines Klangereignis (Musik kann man das nicht nennen) ind die Welt gesetzt wird: „Wir sind mehr – Du bist für mehr und wir sind wie Du.“ Dieses Wir, das also dauernd benannt wird, ist also ein Wir, in das sich das Du eingliedern kann, das nicht von ihm verschieden ist. Es wird also ein inklusives Wir-Gefühl geschaffen.

Um nicht mehr geht es. Statt den Zuschauer mit Inhalt, mit Forderungen zu belästigen, wird ein billiges, angenehmes Gefühl verkauft, das mit der Linkspartei assoziert werden soll. Sie soll Teil eines Wirs sein (in das etwa dunkelhäutige Menschen oder Arme nicht passen, sondern das gut durch weiße Durchschnittsdeutsche vertreten werden kann), in das sich auch der baden-württenbergische Durchschnittswähler einfühlen kann. „Wir sind wie Du“, versichert ihm auf pseudo-hippe Weise die Linkspartei und fügt explizit hinzu, es gehe nicht um Utopien und „Spinner und Freaks“ seien auch nicht dabei. So versucht man beim Wähler zu landen. Man versucht nicht ihn zu agitieren, sondern verkauft Politik mit den selben Mitteln, mit denen man auch einen Joghurt oder Hämoriden-Salbe verkaufen würde: Konsumiere uns, weil wir für ein wohliges Gefühl garantieren. Und nachdem du uns gewählt hast, kannst Du gleich noch mit uns unseren Wohlfühl-Tee aus dem Bioladen  trinken.

Damit ist es der Linkspartei gelungen, selbst die niedrigsten Erwartungen an sie, besonders an den vermeintlich linken Riexinger, in BaWü zu unterlaufen. In ihrem Spot(t) macht sie deutlich, dass der Wähler für sie kein potentielles Subjekt ist, das handeln kann, sondern gibt gewissermaßen zu, dass es nur darum geht, ihn als Konsument dazu zu bewegen, das Polit-Produkt PDL zu konsumieren. Die PDL hat ihr Wir im Kreise der bürgerlichen Parteien gefunden.

Doch wer glaubt, es gehe nicht noch schlimmer, dem sei der Blick nach Sachsen-Anhalt empfohlen, wo ein Genosse Gallert offenbar wirklich Martin Sonneborn als Wahlkampfmanager angeheuert hat:

Mal ganz davon abgesehen, dass man als Linker auf Plakaten weder Nasen bohren noch den Sexismus bewerben sollte: Hier wird deutlich, was bürgerlicher Wahlkampf ist. Ein Wulf Gallert, der behauptet „Wirtschaftskenner“ zu sein (wozu das immer gut sein soll…ich kenne etliche Wirtschaften, darf ich jetzt Ministerpräsident werden?), wirbt großflächig mit „Ich kann-Ich will -Ich werde“, wie in: „Ich kann Caesar-Zitate gut auswendig. Ich will die gern für mich kopieren. Ich werde die in meinem Wahlkampf einbringen.“

Was soll uns das nun sagen? Hier wird nicht einmal mehr ein Partei beworben, wie es in BaWü wenigstens noch der Fall ist. Das Polit-Produkt wird auf einen Schnauzbartträger mit einem möglichen Fimmel Zitate antiker, römischer Diktatoren reduziert, der noch nicht einmal behauptet, etwas besser zu machen, als seine Vorgänger, sondern seine Plakate einfach nur konstatieren lässt, dass es ihn gibt. Offensichtlich wird der Wähler hier nicht einmal mehr nur für einen Konsumenten, sondern auch noch für einen höchst dummen Konsumenten gehalten.

 

Was kann man also aus diesen Peinlichkeiten machen? Mal ganz davon abgesehen, dass dies eine Chance wäre, für verbliebene Sozialisten in der Linkspartei, sich mal zu fragen, ob man in der Partei inhaltlich, strukturell und PERSONELL schleunigst einiges ändern oder andernfalls austreten müsste, sollte sich die politische Linke mal daran erinneren, dass der Parlamentarismus eine Tribüne des Klassenkampfes sein sollte. So meinte die angeblich hochgeschätzte Rosa Luxemburg zumindest. Das heißt aber, dass man diesen auch betreiben müsste, Wahlkämpfe dazu nutzen sollte, Menschen dazu zu bewegen, sich zu organisieren, Kalssenbewusstsein zu vermehren, den Staat und die Wirtschaft anzugreifen. Solange man das als PDL gemacht hat, hat man einen Zugewinn an Wählerstimmen und Mitgliedern gehabt.

Doch nun will man eben ein Polit-Produkt verkaufen, in einem liberal-demokratischen „Wir“ , und, wer weiß, auch bald in der Regierung ankommen. Dabei stört so etwas nur: Die Folge: Die PDL schafft sich selbst ab, wird zu einer Partei der Polit-Verkäufer, der Funktionäre und Abgeordneten. Denn die Basis, so scheint es, schweigt ja lieber, wenn sie nicht bereits ausgetreten ist.

Bamm! Ein „Debatten“Beitrag zum Feuerwerken

In meiner Facebook-Timeline tobt grade eine abstruse Diskussion. Nicht, dass ich in Facebook (und der Realität) an abstrusen Diskussionen Mangel leiden würde, doch diese ist schon sehr bemerkenswert. Während Deutschland in einen neuen Krieg zieht, der Mindestlohn unter Beschuss kommt und in Europa der Faschismus frische Morgenluft schnuppert, scheint es für viele meiner linken Facebookfreunde ein Hauptproblem zu sein, dass an Silvester ein Feuerwerk abgebrannt wird. Eifrig schreibt man gegen die Ballerei an und produziert Memes, deren Inhalt darauf hinaus läuft, dass Feuerwerken sinnlose Geldverschwendung ist und Tieren Angst macht.

Nun würde ich eine solche sinnlose Diskussion eigentlich kaum beachten, geschweige denn Zeit darauf verschwenden, wenn sich nicht etwas aus ihr lernen ließe. Schauen wir uns also daher tatsächlich die Argumentation der Feuerwerksverächter im Einzelnen an: Einerseits wird darauf verwiesen, dass Feuerwerk anderen Menschen (insbesondere denkt man hier an Geflüchtete, da man glaubt, der „kriegsähnliche“ Lärm würde ihnen Angst machen[1]) und vor allem natürlich Tieren Angst machen kann. Andererseits verweist man darauf, dass das Feuerwerk doch nur Teil der kapitalistischen Konsumgesellschaft sei, die Umwelt belaste, Müll produziere, etc.

Selbst Tierbefreier sollten zugeben, dass es aus Sicht der Tierrechte derzeit größere Probleme gibt, als Wuffis Pyrotechnikphobie. Stichwort Massentierhaltung.

Natürlich stimmen diese Argumente. Doch sie würden genauso für Weihnachten, Ostern oder gar den 1.Mai stimmen. Auch hier wird gefeiert, unnötig viel Müll produziert und Mensch und Natur krass ausgebeutet, insbesondere im Falle von Weihnachten. Denn die Geschenke, die wir konsumieren, werden mehrheitlich von bis aufs Blut ausgepressten Arbeitern in Sweatshops hergestellt, die womöglich dann doch mehr leiden, als Bello, der am 31.12 auf Hundeberuhigungstabllette (gibt’s wirklich, kein Scheiß) das Böllern über sich ergehen lässt. Man darf also getrost an die Herren und Damen Feuerwerksgegner die Frage stellen: Warum fordert ihr nicht das Verbot von Geschenken zu Weihnachten? Am Ende wäre das für Mensch und Natur sinnvoller.

Der Grund hierfür ist natürlich ein einfacher: Die halbtoten asiatischen Kinderarbeiter sieht man den Geschenken nicht an. Während das Leiden von Haustieren und der Müll, der am 1.1. unsere Straßen ziert , für alle unmittelbar erfahrbar sind, muss ich Analyse betreiben, um zu erkennen, dass hinter der Idylle des Weihnachtsfests genau dasselbe Wirtschaftssystem steckt wie hinter der Knallerei zu Sylvester, und das gleiche Leiden, die gleichen Schäden an Natur und Umwelt erzeugt. Doch für einen Mainstream der politischen Linken, insbesondere bei den sog. Demokratischen Sozialisten, ist Analyse nicht gefragt, dafür aber Empathie. Anstatt das Leiden, das durch das System, das abstrakt genug ist, erzeugt wird, zu bekämpfen, fühlt diese Bauchlinke eben lieber mit. Wobei das Mitgefühl letztlich eher dem Schoßhund als dem namenlosen, nichtweißen Arbeiter in Übersee zufällt.

Aus diesem Mangel an Analyse ergibt sich aber auch die Leere der Aussagen und Ziele einer solchen Bauchlinken. Diese kann, wie in der Feuerwerksdebatte zu sehen, nur negativ formulieren, also sagen, wogegen sie ist, was sie verbieten will. Ein systemüberschreitendes, positives Konzept[2], das nicht nur Ausdruck der Ablehnung von etwas ist, hat man nicht. So kommt es, dass man schlicht und ergreifend Askese einfordert bei sich und bei anderen: Statt Böllern daheim sitzen, Bayern 2 hören, aus Fair-Trade-Wolle, die das Schaf freiwillig abgegeben hat, weil es Bock auf eine neue Frisur hatte, einen knallbunten Öko-Schalstricken und dabei vegane Häppchen zu sich nehmen. Die Lust, die Ekstase, die sich zum Beispiel ja gerade daraus ergibt, dass man ziemlich teure Dinge in Sekundenschnelle in die Luft jagt, wird per se dämonisiert. Das Feuerwerk wird als ein Ausdruck der kapitalistischen Wegwerfgesellschaft gesehen.

Mal ganz davon abgesehen, dass das nicht stimmt, und die kulturellen Hintergründe des Feuerwerks jenseits des Kapitalismus zu suchen sind,[3] spricht daraus eine enorme Lustfeindlichkeit: Der Mensch, der der kapitalistischen Ordnung ausgeliefert ist, soll im Namen von nichts mehr als einer moralinsauren Idee von Menschlichkeit auf etwas verzichten, was ihm Freude bereitet. Recht viel vom mittelalterlichen Mönchtum ist diese Mainstream- oder eben Bauchlinke nicht entfernt.

http://www.brot-fuer-die-welt.de/fileadmin/mediapool/0_Kirche-und-Gemeinde/54_plakat_brot_statt_boeller_2012.JPG
„Andere kaufen Böller, ich kauf mir ein gutes Gefühl.“ Die Idee des verantwortungsbewussten Konsums in einem Satz zusammengefasst.

Natürlich ist mir nun durchaus bewusst, dass Genuss im Kapitalismus immer entfremdeter, sublimierter Genuss ist, der ganz und gar von kapitalistischer Warenideologie erfüllt ist. Und ich bin tatsächlich der Meinung, dass aus den systematischen Besäufnissen, dem Drogengebrauch und exzessiven Konsumwahns, in Wahrheit eine tiefe Traurigkeit, die sich aus der unbewussten aber präsenten Entfremdung und Unterdrückung im Kapitalismus ergibt, spricht. Man will die Kontrolle verlieren, weil man letztlich weiß, dass man keine Kontrolle über sein Leben hat. Ein Kommunist, als Vorkämpfer der Sache des Proletariats, sollte diese Realität des verordneten Genusses erkennen und seine Befriedigung in der Treue zur Idee des Kommunismus, im Kampf suchen.

Doch das alles spricht keineswegs gegen den Genuss, die Lust, den Rausch an sich. Im Gegenteil: Der Kampf um den Sozialismus bedeutet ja, für ein Leben einzustehen, das schöner, lustvoller ist, als das jetzige. Allerdings kann man nicht abstreiten: Im jetzigen, noch bedauernswert kapitalistischen Leben genießen Millionen Menschen, um dabei zu bleiben, das Feuerwerken, wobei die ärmeren Schichten, meiner persönlichen Erfahrung nach, dazu neigen, mehr zu verballern, als die Reichen. Die spezifische Lust ergibt sich dabei wohl vor allen Dingen daraus, ausbrechen zu können aus einer spießigen Ordnung, die dem Individuum eben gerade nicht erlaubt, laut zu sein, Dreck zu machen, und sein Geld für die Schönheit eines kurzen „Ah“-Moments, der am Ende auch noch anderen eine Freude macht, hinauszuwerfen, so sublimiert dies auch sein mag.

Die Gegner von Feuerwerk offenbaren sich so als Gegner dieses Ausbruchs. Sie kritisieren am Feuerwerk nicht, dass es, wie eben Alkoholabusus oder das ritualisierte Feiern in Clubs, keine wahre Transgression, also Überschreitung, der kapitalistischen Kultur darstellt, sondern in diese eingebettet ist. Stattdessen argumentieren sie vom Standpunkt eines sauertöpfischen Spießertums, das Müll hasst weil er Müll ist und die Ekstase, den Genuss um ihrer selbst willen verachtet. Aus der Bauchlinken spricht so letztlich, und wenn sie nur das Feuerwerk ablehnt, der Mief des geschassten und untergehenden Kleinbürgertums.

 

[1] Natürlich ist hier auch Rassismus im Spiel, denkt man sich den Geflüchteten doch als eine Art Wilden, der von den Bräuchen in Europa keine Ahnung hat.

[2] Zum Beispiel wie es in meiner Nachbarschaft schon seit immer praktiziert wird: Die Nachbarn kommen zusammen und bestimmen miteinander wo wie lange geschossen wird und kontrollieren das gemeinschaftlich, ganz ohne Verbote und Polizei.

[3] Und übrigens ein schönes Beispiel für mittelalterlichen, interkulturellen Kontakt, in dem Fall zwischen Venedig und Peking, darstellen.

Der Preis der Politik

Über den Nobelpreis und die deutschen Medien

 Es ist Nobelpreiszeit. Also jene Zeit im Jahr, in dem sich die (öffentlich-rechtlichen und ein paar Print-)Medien in der BRD für eine Woche ihres Bildungsauftrags erinnern und ein wenig Aufklärung betreiben, was für die mediokren Redakteure, die die Journaille dirigieren, heißt, kurze Porträts der jeweiligen Nobelpreis-Greise zu fabrizieren. Man berichtet von den (meist weit zurückliegenden) Heldenleistungen der Öffentlichkeit sonst gänzlich unbekannter Menschen vor, berichtet über ihren persönlichen Werdegang, erzählt angenehme Geschichten, in denen Wissenschaft und die jeweiligen Entdeckungen nur am Rande eine Rolle spielen. Zu viel Aufklärung will man dem Zuschauer wahrscheinlich nicht zumuten.

Dabei muss allerdings zugegeben werden: Beim Nobelpreis geht es selbst auch nicht ausschließlich um Wissenschaft. Der Preis ist mit einem derartigen internationalen Prestige verbunden, dass er immer auch und vor allen Dingen ein Politikum ist. Da dem jeweiligen Träger massive mediale Aufmerksamkeit zuteilwird (zumindest für ca. eine Woche), kann dies genutzt werden, um einen politischen Standpunkt deutlich zu machen. Bekommt etwa der russische Autor Solschenizyn, mit seiner lustigen Einstellung zu Juden[1] und seinem Antikommunismus, einen Nobelpreis für Literatur, ist das eine Steilvorlage für Politik und Medien, die angebliche Bösartigkeit des Sowjetsystems herauszustellen. Solschenizyn kann mehr Bücher verkaufen und mehr Menschen werden davon überzeugt, was für eine üble Sache dieser Kommunismus doch ist.

Tatsächlich lässt sich mit dem Literaturnobelpreis, neben dem offensichtlich politischen Friedensnobelpreis, der übrigens schon an Kissinger, Obama und die EU ging,[2] am besten Politik machen lässt. Das zeigt sich auch heute wieder, als der weißrussischen Autorin Swetlana Alexandrowna Alexijewitsch den Preis abstauben durfte.

Nun, ich gebe sofort zu: Alexeijewitsch ist eine interessante Autorin. Second-hand-Zeit, ihre chorische Darstellung des post-sozialistischen Russlands ein wichtiges Buch, das sich auch jeder Kommunist zulegen sollte, da er hier noch was lernen könnte. Wie Alexjiewitsch eine neue Art des kollektiven Schreibens, der chorischen Darstellung erschafft, ist sicherlich wegweisend. Nur ist klar: Um all das geht es bei der medialen Aufarbeitung dieses Nobelpreises nicht.

Viel interessanter ist in den Presseberichterstattungen nämlich, dass sich Alexjiewitsch deutlich gegen Putin stellt und meint, dass er die Sowjetzeit wiederaufleben lassen will, die sie als eine Art nationales Trauma versteht und also gerne loswerden wollen würde. So darf sie in deutschen Nachrichten in bester Goebbels-Manier über die „Bestien“ in Donetzk (gemeint sind die Aufständischen) herziehen und der deutschen Presse zugleich die Gelegenheit geben, sich in den Wahlkampf in Belorus einzumischen. Denn dort stellt sich die wackere Autorin auf die Seite einer ebenso wackeren und über-privilegierten „Sozialdemokratin“, deren Regierungsprogramm im Wesentlichen darin besteht, Privatisierungen zu fordern. Wagt es doch Belarus nach wie vor eine Art Staatskapitalismus zu betreiben, den privaten Sektor einzuschränken und, noch schlimmer, gewährt der EU keinen Zugang zu ihrem Markt oder geostrategische Stützpunkte. Klar, dass das deutsche Fernsehen dazu berichten muss, und von der veralteten Ökonomie dieses Landes spricht.

Und das in der Berichterstattung zu einem Literatur-Nobelpreis! Dieser wird so nur zur Vorlage für die deutschen Medien, das Bild des autoritären, untermenschen-befallenen Osten zu zeichnen, in dem einzelne, wertvolle Menschen mit den bösen Bestien ringen müssen. Nur der Westen und die westliche Zivilisation, so scheinen uns die Medien vereint mit der Autorin sagen zu wollen, können ein wenig Licht in dieses unzivilisierte Dunkel bringen. Über Moskau leuchtet das Auge Saurons, könnte man meinen.

Genossin Tu um 1951. In der VR China.

Das interessante nun aber ist, dass bereits ein anderer, der diesjährigen Nobelpreise sehr politisch ist: Die Genossin Tu Youyou erhielt die Hälfte des Medizin-Nobelpreis für ihre Entdeckung eines Mittels gegen Malaria. Dieses Mittel war 30 Jahre lang von der WHO und der Pharmaindustrie sowieso ignoriert worden. Einerseits schert man sich bis heute nicht um die Gesundheit der Menschen im Trikont, die ja nicht so zahlungskräftig sind, wie die Konsumenten im Westen. Und andererseits hatte Tus Entdeckung den kleinen aber entscheidenden Fehler, in der Zeit der Kulturrevolution gemacht worden zu sein. Mao selbst, gab der Genossin den Auftrag nach einem billigen Mittel gegen diese Krankheit, die bis heute eine entsetzliche Geißel für Abermillionen Menschen ist, zu finden.

Und sie fand es.

Einen Triumph, den der Westen der VR China lange nicht zugestehen wollte, so dass Artemisinin zur Malariabehandlung erst 2010 eingesetzt wurde. Insofern kommt der Nobelpreis auch einer gewissen Entschuldigung gleich.

Doch darüber wird keineswegs ausführlich berichtet. Die politischen Hintergründe dieser Entdeckung, interessieren nicht. Kein Leitartikelschreiberling frägt sich, wieso so eine bahnbrechende Entdeckung im kulturrevolutionären China möglich war. Keine „Nachrichten“Show zeigt uns Bilder der Kulturrevolution, bspw. Arbeitermassen, die in die Unis strömen, oder diskutiert zumindest die Frage, warum Tu YouYou, die man fälschlicherweise YouYou Tu nennt,[3] diese Entdeckung machen konnte, ohne, wie in der Kulturrevolution üblich, post-graduate Titel, also „Doktor“ oder gar „Professor“ erworben zu haben. Kurz, es unterbleibt, was zu unterbleiben hat: Das pbjektive Nachdenken und Diskutieren, eines politischen Systems, das sich vom unsrigen unterscheidet.

Und so wird am Nobelpreis eines wieder einmal überdeutlich: Die Medien sind in der Zeit des angeblich freien, postmodernen Diskurses in Wahrheit nur die postdemokratischen Marktschreier des Immer-Gleichen. Objektive Berichterstattung hat man nicht zu erwarten, denn dazu sind sie genauso wenig da, wie der Nobelpreis dazu da ist, objektiv und weltweit, Wissenschaft, Kultur und Frieden zu fördern. Nobelpreis und Medien sind wie alle Einrichtungen des bürgerlichen Staates nur eins: Dazu da, uns unten zu halten.

[1] Herr S. träumte zeitlebens von einem rassereinem Russland und verdächtigte die Juden, am Untergang des von ihm sehr geliebten Zarenreichs beteiligt gewesen zu sein: http://www.berliner-zeitung.de/archiv/alexander-solschenizyn-versucht-sich-an-der-geschichte-der-juden-in-der-sowjetunion-reue-waere-der-sauberste-weg,10810590,10120564.html

[2] Mehr muss man wohl nicht über diesen Preis sagen.

[3] In China kommt der Nachname stets vor dem Vornamen. Maos Vorname etwa war also Zedong. Es ist keine kleine Sache, wenn die deutschen Medien sich nicht an diese Reihenfolge halten, von YouYou Tu, oder gar nur YouYou sprechen. Hier kommt Respektlosigkeit einer anderen Kultur gegenüber zum Ausdruck.

Die Ärzte: Stummer Schrei nach mehr Analyse

Antifaschismus ist kein Style, ihr Lappen!

 

Es ist mal wieder Zeit sich unbeliebt zu machen. Das bürgerliche Feuilleton hypet den Ärzte-Song Stummer Schrei nach Liebe und die deutsche Linke hat nichts Besseres zu tun, als mitzumachen. Zwischenzeitlich singt man dieses Machwerk schon im Chor, gemeinsam mit Jusos und sonstigen Bürgergeschwerl, auf Anti-Nazi-Demos. Grund genug, um dem Song mal auf den Zahn zu fühlen:

Du bist wirklich saudumm,

Darum geht’s dir gut.

Hass ist deine Attitüde,

Ständig kocht dein Blut.

Alles muss man dir erklären,

Weil du wirklich gar nichts weißt.

Höchstwahrscheinlich nicht einmal,

Was Attitüde heißt.

 

Ref.: Deine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe,

Deine Springerstiefel sehnen sich nach Zärtlichkeit.

Du hast nie gelernt dich zu artikulieren

Und deine Eltern hatten niemals für dich Zeit.

Ohoho, Arschloch!

 

Warum hast du Angst vorm Streicheln?

Was soll all der Terz?

Unterm Lorbeerkranz mit Eicheln,

Weiß ich, schlägt dein Herz.

Und Romantik ist für dich

Nicht bloß graue Theorie,

Zwischen Störkraft und den Onkelz

Steht ’ne Kuschelrock-LP!

 

Ref.

 

Weil du Probleme hast, die keinen interessieren,

Weil du Schiss vorm Schmusen hast,

Bist du ein Faschist.

Du musst deinen Selbsthass nicht auf andere projizieren,

Damit keiner merkt, was für ein lieber Kerl du bist!

Ohoho!

Ref.

(http://www.lyricsondemand.com/a/aerztelyrics/arschlochlyrics.html)

Die Ärzte wenden sich an einen Nazi. In ihrem berühmten Video singen sie einigen mehr oder weniger typischen Faschisten ihre recht simple Botschaft ins Gesicht: „Du bist dumm, hast daher Minderwertigkeitskomplexe und bist deswegen ein Nazi.“ Dass sie dafür mehr als vier Minuten meine Ohren foltern müssen und drei Strophen brauchen, sei mal dahingestellt.

Diese Langatmigkeit hat allerdings den Vorteil, dass sie uns Wertvolles über die Faschismus-Analyse der Gruppe um Farin wissen lässt: „Weil du Probleme hast, die keinen interessieren, weil du Schiss vorm Schmusen hast, bist du ein Faschist.“ Anders gesagt: Faschismus ist für Die Ärzte eine Art psychische Störung: Man steht nicht auf Blümchensex, ist zudem noch eine Niete in der Schule („Du bist wirklich saudumm“) und wird daher eben Nazi. Und das heißt, anders herum, den Faschismus zeichnet an sich, folgt man der Analyse, keine besondere politische Haltung aus, sondern er ist eine Art emotionale Selbsthilfegruppe. Der eine geht mit seinen Komplexen halt zum Psychologen, der andere zur örtlichen Kameradschaft (was in jedem Fall billiger für die Krankenkasse sein sollte).

Und als Therapie für den als Krankheit erkannten Faschismus empfehlen Die Ärzte implizit Kuscheln und das bewusste Zulassen von Zärtlichkeit. (Was aber, wenn der Faschist auf SM steht?!)

Man braucht gar nicht lange herumreden: Eine solche Überlegung ist nicht nur lächerlich, sie ist auch falsch. Gefährlich falsch. Sie übersieht erstens, dass die diversen Spielarten von Nationalismus und Faschismus schlicht politische Ideologien sind, denen Menschen ganz bewusst zustimmen und die gesellschaftliche Ursachen, zum Beispiel soziale Konflikte, haben. Gegen politische Ideologien kann ich kämpfen: Indem ich politische Hegemonie erringe, mein Viertel, meine Schule, meinen Betrieb nazi-frei halte, Agitation und Propaganda betreibe. Sieht man Faschismus dagegen als eine Krankheit an, die Leute befällt, weil sie dumm sind, ist klar: Da kann mit politischen Mitteln nicht vorgegangen werden, das Problem der Krankheit liegt in den Kranken selbst (Dummheit!) und wird nicht auf die Gesellschaft zurückgeführt: Nicht etwa die Hetze von Spirnger-Presse, CSU oder bürgerlichen Medien sind, nach den Ärzten also Ursache dafür, dass Leute Faschisten werden, sondern deren eigene Unfähigkeit, Blödheit. Als Problem wird die Ungebildetheit, die geistige Unterlegenheit der (potentiellen) Faschos ausgemacht, die eben auf solche Parolen und Hetze reinfallen, nicht diese selbst.

Daraus ergibt sich aber zweitens, dass man gar vollkommen übersieht, dass Faschismus ein gesellschaftliches Phänomen ist, eine Funktion des bürgerlichen Staates und sich nicht nur in irgendwelchen Springer-Stiefel-tragenden Störkraft-Fans ausdrückt. Doch das sehen Die Ärzte nicht. Für sie geht es nur darum, sich irgendwie gegen die Nazis zu stellen und die eigene Überlegenheit auszustellen. Den bürgerlichen Staat, der die Bedingungen für das Entstehen des Faschismus bereit stellt (und selbst, wie wir leider erleben, ganz ohne faschistische Massenbewegung faschistisch wird), lässt man in Ruhe.

Schon allein deswegen ist es nicht verwunderlich, dass der Song so gefeiert wird. Gefeiert von einer Bauchlinken, die keine Ahnung von marxistischer Analyse hat, sondern einfach nur aus irgendwelchen dummen (und dummdreisten) moralisch-ethischen Überzeugungen heraus handelt.

Ohne zu wissen (oder wissen zu wollen), dass „die herrschende Moral stets die Moral der Herrschenden ist.“

Doch nicht alleine deswegen liegen Die Ärzte und die neuen Fans dieser Rentner-Band für Linkssozialdemokraten arg falsch. In ihrem Song drückt sich latente Arbeiterfeindlichkeit aus. Sie erklären, nur um das zu wiederholen, ja Dummheit zum Grund für Faschismus, Menschenhass, und damit wohl auch für Rassismus und Nationalismus: Nun, ich muss sagen: Es gibt durchaus auch studierte Faschisten und ich musste leider auch mit Akademikern schon streiten, weil sie rassistische Positionen vertraten. Ich kenne gar einen Hochschullehrer, der bestimmt weiß, was Attitüde heißt und dennoch meint, die deutsche Sprache müsse reingehalten werden von dem Einfluss türkischer Einwanderer. Bildung schützt keineswegs vor Faschismus.

Doch die Ärzte sehen das nicht. Für sie sind Nazis dumm, ungebildet, zu blöd um Zusammenhänge zu kapieren. Und damit sind sie einer Meinung mit bürgerlichen Medien und dem linken Mainstream: Die Rassisten, die vor Heimen protestieren, das sind für sie nur „Orks“, minderbemittelte Unterschichtler, die abgehängt sind und denen man prinzipiell überlegen ist.

Ein nettes Meme, das ausdrückt, was die bürgerliche Linke glaubt: Hauptschüler und Schulabbrecher, also die Proleten, sind halt alle irgendwie Nazis.

Natürlich gibt es solche Mobs von aufgehetzten Menschen aus der Unterschicht, etwa in Berlin Hellersdorf. Und natürlich schaut die Realität auch so aus, dass bei PEGIDA etwa die gut gebildete Mittelschicht marschierte. Doch das wird nicht gesehen. Statt gegen den Staat, das Kapital zu protestieren oder gegen die bürgerlichen Hetzer, stellt man sich gegen die Unterschicht, die Arbeiterklasse, überlegt sich sogar, wie Antilopen Gang, sie niederzuprügeln, sollte sie mal den Aufstand wagen. Diese Einstellung, diese Ignoranz der Arbeiterklasse, der Unterschicht gegenüber, die es doch eigentlich zu organisieren gelte, hat dazu geführt, dass die radikale Linke den Faschisten das Feld freigemacht hat. Und frei macht. Denn auch heute singt man lieber, so scheint es, mit Bürgerlichen zusammen, Die Ärzte, anstatt auch nur ansatzweise zu versuchen, Klassenkampf zu betreiben.

Antifaschismus wird so selbst zu einer Attitüde.

Und das wird zum Problem.